Kunst und Demokratie
von Cornelia Schleime
Bildende Künstlerin

Vortrag vom 9. Juli 2009 im Schloss Marquardt bei Potsdam

Die Kunst musste sich immer wieder vor Karren spannen lassen: religiös motiviert, idealistisch verklärt, wirtschaftlich notwendig, oder, wie man heute neudeutsch sagt: Image-Pflege. Frei will sie sein, wird aber in Fesseln gelegt. Wer dem Staat nicht dient, fällt tief. Sind es nicht aber jene Abgründe, die genau der Künstler für sein Schaffen braucht? Er, der sein Misstrauen schürt wie ein letzter Mohikaner. Oder entspringt diese Idee nur meiner romantischen Grundhaltung? Ist mein Künstlerbild also eines von Anno Dazumal? Vielleicht, aber ich werde es dennoch behalten. Ich darf also weiter zweifeln, an alles was an mich herangetragen wird, weil ich es als eine Störung empfinde, aber mich dennoch stören lasse, sonst säße ich jetzt nicht hier. Hat ein Künstler einigermaßen Erfolg, scharrt er um sich einen gewaltigen  Apparat, auch unfreiwillig, denn ich spreche nicht von Galeristen, Sekretären, usw., sondern von jenen sinnstiftenden Theoretikern, die für die Texte oder Analysen verantwortlich sind, die um ein Werk kreisen. Die es in einen Olymp hieven wollen, von dem sie glauben, dass der Künstler dort hingehört.

Aber dieser Olymp ist kein spiritueller lichtdurchfluteter Platz mehr, sondern ist eine Ebene, auf der die unterschiedlichen Interessen sich dem Diskurs stellen. Wenn also die Hierachien versanden, ist das sicher demokratisch, kann aber auch langweilig und ambivalent erscheinen. Hierarchien werden heute von Auktionshäusern, Medien und zahlenden Kunden bestimmt. Noch nie wurde soviel über die bildende Kunst diskutiert, noch nie so viel geschrieben wie heute. Aus meiner subjektiven Perspektive heraus: Mich interessiert es kaum. Warum? Weil ich es als eine Loslösung vom Werk empfinde, oder es unerhört aufgeblasen wird, oder das Werk nur noch Mittel zum Zweck ist, da die Strategien, die darum kreisen, übermächtiger geworden sind als das Werk selbst. Das Dreigestirn von Künstler, Werk und Betrachter gibt es schon lange nicht mehr. Angedockt haben sich Galerist, Sammler, Kurator, Kritiker, TV Sendungen, Rankinglisten u.s.w. Viele junge Künstler arbeiten in Labels und es werden Netzwerke gebildet- auch eine Form der Demokratisierung des heutigen Künstlertyps und ich frage mich, wieviel Ego beim Einzelnen noch zugelassen und vorhanden ist, wenn er mit anderen Künstlern am Morgen den Offices, das Studio betritt. Wenn es nur noch eine Frage der Fleißarbeit darstellt, die gefundenen Ideen zu verwirklichen, die Prozessarbeit eigentlich nur aus Brainstorming besteht. Wenn es vorwiegend darum geht, eine Lücke zu füllen, die noch nicht besetzt ist. Die erfolgreichen Künstler leben heute wie mittelständische Unternehmer, haben den neuesten Standard an Technik, um global kommunizieren zu können, bespielen die Museen, wie es heißt, auch ein Wort an das ich mich nicht gewöhnen werde, haben ihre Assistenten, die das Handwerk leisten. Ihre Arbeiten kennzeichnet mehr Flexibilität als Homogenität.

Vom Künstler wird soziale Virtuosität gefordert und eine Verdichtung, die sich früher aufs einzelne Werk bezog, wird heute in soziale Steigerungsprozesse übersetzt. Das Vertrauen, was ein Künstler gewinnt, geht nicht mehr als Feedback aus dem einzelnen Werk hervor, sondern ist eine Kette von Resonanzen, die sich aus verschiedenen Öffentlichkeiten speisen. Er ist glücklich, wenn der Terminkalender keine weiße Zunge raushängen lässt.

Das Gesetz des Marktes ist Abnutzung und Aufbau. Ungeachtet dessen steht die Frage, wie zwingend die Kunst eines Künstlers ist. Die Diktatur hatte ihren Ideologienfetischismus, der Kapitalismus hat seinen Warenfetischismus. Dort ist der Künstler mitgelaufen, wenn nicht, war er gleich subversiv, was allerdings noch keine Aussage über die Qualität seiner Kunst machte- so, wie der Warencharakter der Kunst in freiheitlichen Gesellschaften nicht zwangsläufig bessere oder schlechtere Kunst hervorbringt. Für mein Bild vom Künstler gibt es kaum noch Raum. Tagtäglich kämpfe ich meinen Kampf darum, mache den Computer erst gegen zwei Uhr in der Nacht an, um die Flut von Mails in den Papierkorb zu werfen oder widerwillig zu beantworten. Die freie Welt macht das Leben für einen Künstler nicht einfacher, denn er möchte ja etwas bilden und nicht sprechen, in seiner eigenen Sprache. Ich möchte einsam sein, dass es gerade noch erträglich ist, um die Linie zum Existenziellen zu schrammen, zu wissen warum ich das tue, was ich tue. Flexibilität und Kommunikation werden vom heutigen Künstler gefordert, aber für mich ist es nur ein notwendiges Übel, um ab und zu mal aufzutauchen.

Schafft ein Bild es nicht mehr von allein? Doch es schafft es, auch ein Gedicht, ein Klang, eine Komposition oder die Art und Weise, wie jemand tanzt oder spricht. Wir können unseren Körper verlassen, ganz in der Diskussion aufgehen, auch darüber rätseln, inwieweit Demokratie für die Kunst förderlich ist, oder umgekehrt. Auch eine Diktatur kann förderlich sein, da ich einen Widerstand spüre. Der einzige Unterschied ist, das man mir in der Demokratie nicht den Kopf abschlägt, wenn ich sagen würde, dass ich sie Mist finde. In der Diktatur müsste ich dafür schon meine Beine unter den Arm nehmen, dass wäre schon recht irrational. Egal, wo ein Künstler lebt, geht es ihm doch um radikale Subjektivität, da die Kunst nicht die Welt abbildet, sondern eine Welt schafft, als Gegenentwurf. Der Künstler, so wie ich ihn verstehe, lebt in seiner Hermetik der Weltlosigkeit, seiner Enklave, in der er schafft und seine Erfahrungen und Ängste sublimiert. Dann tritt er wieder vor die Tür und spürt die Diskrepanz zwischen Außen und Innen, muss sich Fragen gefallen lassen, muss sich selbst fragen, was er tut. Das ist seine Kontinuität, die Welt und sich in Zweifel zu stellen.

Ein erweitertes Europa schafft sicher andere Erfahrungen,  macht aber keinen anderen Künstler daraus. Das Internet schaffte es vielmehr. Es veränderte den Menschen. Auch den Künstler. Z. B. gehen  Ideen für Kunstwerke immer seltener aus einer inneren Sprache hervor, sondern sie gestalten sich aus der Fülle, die der elektronische Garten Eden, mit jedem Klick als eine neue Perspektive eröffnet, die es zu verwursten gilt. Viele Künstler bedienen sich heute der emotionalen Schubkraft, die im Bildmaterial liegt, was sie im Computer ausfindig machen und für eigene Arbeiten verwenden. Dies können Abbildungen von politischen Ereignissen sein, wissenschaftliche Dokumentationen, hinzu kommt die Pornografie. Oft erscheint es fragwürdig, inwieweit eine Auswahl noch Bestandteil der eigenen Emotionen ist. Es wird eine romantische Szenerie gemalt, während im Hintergrund der Fernseher läuft und ununterbrochen das Handy klingelt. Biedermeier und Blockbaster geben sich im Atelier ein Stelldichein. So sehr sich auch die Arbeiten mit ironischer Selbstbehauptung darstellen, sind sie doch abgespalten vom persönlichen Sehen, Erleben, Nachempfinden, Schauen und Betrachten. Demut gibt es nicht mehr, sondern ein Kreieren aus zweiter Hand. Second Hand Life. Kent Nagano sagt: „Die Identität eines Menschen geht verloren, wenn er zu beschäftigt ist, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Wenn er nur noch den richtigen Knopf am Computer drücken kann.“

Ich stelle mir manchmal für einen Monat totalen Stromausfall vor, dann wäre der Künstler im Künstler sichtlich gefordert. Wenn sein silberner Recyclekasten kein Bild und Laut mehr abgibt, würde auch er verstummen. Was gäbe es noch zu betrachten? Wohin könnte er sich retten? Wie spannend ist dann sein eigenes Leben noch? Vielleicht würde er zeichnen lernen? Mir fällt auf, wie zunehmend die zeichnerischen Talente verkümmern oder erst gar nicht vorhanden sind. Wie schablonenhaft die Figuren aussehen, die irgendwo abgezeichnet und ausgeborgt werden. Wie reduziert die Erfindungsgabe ist und der Künstler sich nur noch auf seine Kombinationsgabe verlässt. Wie wertlos das eigene Leben ist, um das er es unter die Lupe nimmt. Wie die Themen der Kunst nur noch um die Kunst selbst und deren Kreisläufe kreisen.

Damien Hirst hat es vorgemacht, indem er seine Bilder selbst ins Auktionshaus brachte, schnurstracks am Galeristen vorbei, und seine Millionen einspielte. Das war hip, das war chic, das war den Fernsehsendern einige Minuten wert, denn hier hat jemand die Regeln verletzt. Das hat schon für die Abendnachrichten gereicht, hinter Afghanistan und dem Sportteil noch ein kultureller Hammerschlag. Sein fünf Millionen Hai im Formaldehydbad hat sich im Zeitgeist eingeschrieben. Aber schreibt er sich weiter ein, wie Beuys Schakal? Ist diese subtile Aktion nicht auch schon längst vergessen? Wie lange reicht die Zeit für den Geist? Zehn Jahre, zwanzig Jahre?

Was war der subversive Ostkünstler dagegen für ein alter Kofferkasten, kultivierte seinen Zweifel, flüchtete in die Geschichte und Tradition, ließ zwischen den Zeilen lesen. Darin richtete er sich ein, in gewisser Weise war das auch bequem. Sein Koordinatennetz spannte er für Gleichgesinnte, lachte mit ihnen über die Fährten, die er legte. Und eigentlich legte er sie nur für sie: sein auserwähltes Publikum. Man lehnte ja das thematisch gesättigte Themenpaket der offiziellen Kunst ab. Der permanente Zweifel gegenüber dem System war eine Art Zwangsverbindung. Dieser Verbindung entriss ich mich, als ich 1984 in den Westen übersiedelte. Wo sind Sie eigentlich aufgestellt? Damit meinte man eine Galerie, doch ich dachte ans Tennis. So oder so ähnlich hätte eine Frage lauten können an einem der ersten Abende, den ich in einem demokratischen Land verbrachte. Ein ernstes Gespräch zu führen interessierte niemanden. Falls ich ernst wurde, hieß es, ich hätte Sorgen. Hier im Westen wehte für mich ein eisiger Wind, obschon man sich äußerst amüsant gab. Vielleicht war die Luft gerade deshalb so kühl für mich. Ich habe es gerade wieder in Prag erlebt: Die Menschen haben dort immer noch eine gewisse Schwermut und Melancholie. Etwas, das mir vertraut ist, was mich erinnern lässt, woher ich komme. Sie sind schüchtern und zurückhaltend. Auch das lässt mich erinnern. Es war lebensnotwendig erfinderisch zu sein, um der Tristesse eine Poesie abgewinnen zu können. Einen Galgenhumor zu erfinden, um der gesellschaftlichen Realität etwas entgegenzusetzen, die kulturellen Doktrinen zu unterlaufen. Die Freiheit gab es nicht. Nicht objektiv. Aber man nahm sie sich im Material.

Ich denke an Stalkas „Tarkowsky“, der eine seiner Kameras zur Figur macht. Eine Figur, die man nicht sieht, aber dennoch ist sie da. Vielleicht ist es wie bei Giacometti, der seine Figuren eigentlich zum Verschwinden bringen will. Vielleicht empfinden die Künstler der alten Ostblockstaaten so ähnlich. Kunst entsteht aus Zwängen und Unfreiheiten, die man zu überwinden sucht. Etwas geht bis ans Äußerste. Es ist eine fadenscheinige Behauptung, dass Kunst nur in Freiheit gedeihen könnte. Eine missratene Kindheit oder nicht gesellschaftsfähige Sexualität oder zementierte Gesellschaft haben nicht zuletzt poetische eigenwillige Positionen hervorgebracht, denn es wurde in der Kunst das sublimiert, was im Leben nicht auszuleben gestattet war. Kunst und Lebenstragik haben sich oft die Hand gegeben, haben einen Pakt geschlossen, nicht um zu gefallen, sondern um sich selbst ertragen zu können. Die Postmoderne hat sich davon ziemlich weit entfernt. Die Sehnsucht nach Veränderung folgte keinen Regeln oder Strategien.

Am Anfang dachte ich, die Demokratie ist weiter nichts als eine Wiese, auf der die Selbstbehauptungen ihre Blüten treiben, aber ich erkannte: Kunst wird nicht besser oder schlechter in einer Demokratie, denn beide Seiten haben ihre Defizite: Dort spröde und kauzig, hier flexibel und geschmeidig. Dort Standpunkt, hier Meinung. Es sind wirklich unterschiedliche Körpersprachen. Ich wünsche mir für ein erweitertes Europa, dass die unterschiedlichen Identitäten mit dem Bewusstsein für die Herkunft erhalten bleiben. Dass die Chronologie eines Werkes so wie die Geschichte weiter zählt- und nicht nur ein gelungener Punktauftritt. Dass mich die Kunst berührt, weil sie sich eben nicht aus der Identität eines Künstlers gelöst hat.

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